Zum Hauptinhalt springen

Internet, du lügst! – Warum die FedCon zeigte, dass Kommentarspalten keine Wirklichkeit sind

Internet, du lügst! – Warum die FedCon zeigte, dass Kommentarspalten keine Wirklichkeit sind

Kommentarspalten brüllen, FedCon antwortet mit Applaus: Warum Starfleet Academy in Bonn plötzlich atmen durfte – und das Internet dabei ziemlich schlecht aussah.

Vor der FedCon 2026 konnte man den Eindruck bekommen, Star Trek: Starfleet Academy betrete eine Bühne, auf der das Urteil längst gesprochen war. Das Internet hatte die Robe angezogen, den Hammer geschwungen und sich selbst zum Hohen Rat des Fandoms erklärt. Natürlich ohne Wahl, ohne Mandat, dafür aber mit sehr viel Capslock-Energie. Die Serie war online schon verurteilt: zu jung, zu queer gelesen, zu emotional, zu sehr Gegenwart, zu viele Füße auf dem Captains Chair. Für manche war sie offenbar zu viel Zukunft in einem Franchise, das genau davon handelt. Diese Pointe muss man erstmal aushalten.

Dann kam die Nachricht dazu: abgesetzt nach Staffel 2. Für bestimmte Kommentarspalten klang das wie eine Bestätigung. Urteil gefällt. Fall geschlossen. Dankbarkeit im Augenblick der Zerstörung. So funktioniert das Netz oft, sobald neues Star Trek auftaucht. Einige Menschen verwechseln ihre Erschöpfung mit Analyse. Sie nennen ihre eigene Bequemlichkeit plötzlich Kanonpflege. Sie geben ihrer Abwehr den Klang von Expertise. Und weil digitale Plattformen Lautstärke zuverlässig mit Bedeutung verwechseln, entsteht schnell der Eindruck, hier spreche das Fandom selbst.

Die FedCon hat an diesem Wochenende eine andere Wirklichkeit sichtbar gemacht. Man merkte den anwesenden Darsteller:innen von Starfleet Academy an, dass sie vorsichtig waren. Freundlich, professionell, aufmerksam – aber zu Beginn spürbar kontrolliert. Da lag eine Schutzspannung im Raum. Dieses feine innere Abtasten: Was ist das hier für ein Publikum? Trägt dieser Raum? Kommt gleich Wärme? Kommt gleich Internet mit Sitzplatznummer? Viele von ihnen haben noch wenig Convention-Erfahrung. Gleichzeitig gehören sie zu einer Generation, die sehr genau weiß, wie schnell aus einem Internet-Kommentar ein Etikett wird. Sie kamen mit einer Serie nach Bonn, über die online offenbar längst gerichtet worden war. Jetzt standen sie vor Menschen, die sie tatsächlich ansahen. Und dann passierte etwas Schönes: Der Raum trug.

Der Applaus kam warm. Die Fragen waren neugierig. Die ersten Antworten klangen noch vorsichtig, dann länger, freier, gelöster. Man konnte fast sehen, wie Schultern weicher wurden, wie Blicke länger im Publikum blieben, wie Pointen erst getestet wurden und dann landeten. Der Saal antwortete mit Aufmerksamkeit. Das war der Moment, in dem aus einem Panel eine wahre Begegnung wurde. Über das Wochenende entstand dadurch eine Energie, die keine Kommentarspalte gut abbilden kann. Karim Diané brachte diese offene Showman-Wärme mit, die einen Raum innerhalb weniger Sekunden heller macht. George Hawkins wirkte direkt und präsent. Bella Shepard und Zoë Steiner tasteten sich feiner an den Raum heran, wacher, vorsichtiger, mit einem genauen Gespür für Stimmungen. Gerade diese Entwicklung machte das Wochenende so stark. Aus professioneller Höflichkeit wurde sichtbare Freude. Aus Schutzspannung wurde Spiel. Aus einem vorsichtigen Auftritt wurden gemeinsame Star-Trek-Momente.

Am Ende blieben Bilder hängen: Darsteller:innen vor einem feiernden Publikum, Instagram-Posts aus Bonn voller Dankbarkeit und Erleichterung. Dieses leichte Staunen darüber, dass da tatsächlich Menschen sitzen, die zuhören wollen. Kein Algorithmus zwischen Bühne und Saal. Kein Kommentarstrom, der den schlechtesten Reflex nach oben spült. Menschen erlebten miteinander etwas. Genau da liegt der Betrug der Kommentarspalte. Sie tut so, als wäre sie Öffentlichkeit. In Wahrheit ist sie oft ein Verstärkerraum für Affekt. Sie sortiert Wut nach oben, belohnt Härte und macht aus Wiederholung scheinbare Größe. Wer dort lange genug liest, glaubt irgendwann, das Fandom bestehe vor allem aus gekränkten Wachposten am Museumseingang.

Hass findet online ideale Bedingungen. Er reagiert schnell, klingt eindeutig und erzeugt Antworten. Plattformen lieben diese Energie, weil Empörung Aufmerksamkeit bindet. Aus Affekt wird Reichweite. Aus Reichweite wird gefühlte Wahrheit. Aus gefühlter Wahrheit wird irgendwann dieser unangenehme Tonfall, mit dem manche Leute „die Fans“ sagen und eigentlich nur sich selbst meinen. Freude arbeitet leiser. Sie schreibt vielleicht einen warmen Satz, teilt ein Foto, erzählt jemandem von einem schönen Moment und geht danach weiter durchs Leben. Freude führt keine Anwesenheitsliste. Hass kommt wieder. Er setzt nach. Er wiederholt sich, bis die Wiederholung nach Mehrheit klingt.

Das ist der Trick. Kommentarspalten zeigen Verhalten unter Plattformbedingungen. Sie zeigen, welche Emotionen sich gut klicken lassen. Sie zeigen, wie Menschen sprechen, wenn ein System ihnen für Zuspitzung kleine digitale Leckerli hinwirft. Sie zeigen einen Ausschnitt, der sich oft sehr viel wichtiger nimmt, als er ist. Kritik an Starfleet Academy bleibt trotzdem notwendig. Kritik gehört zu Star Trek wie schlechte Admiräle und moralische Dilemmata. Man darf über Tonalität sprechen. Man darf Figurenführung auseinandernehmen. Man darf Kanonfragen stellen. Man darf mit Entscheidungen hadern. Kritik ist Sauerstoff.

Der Punkt beginnt dort, wo aus Kritik Abwertung wird. Wo aus einer Erzählentscheidung ein Angriff auf Schauspieler:innen wird. Wo aus Enttäuschung eine Pose moralischer Überlegenheit entsteht. Wo Menschen ihre Müdigkeit so lange polieren, bis sie aussieht wie Urteilskraft. Wer über eine Serie spricht, spricht immer auch über Arbeit. Hinter dieser Arbeit stehen Menschen. Diese Arbeit verdient keine automatische Zustimmung. Aber – und das müssen wir immer wieder sagen – Sie verdient eine faire Ausgangshaltung. Das ist keine Weichzeichnung. Das ist Sternenflotten-Basisprüfung. Nachschreiben ausdrücklich erlaubt.

Hier hilft Hannah Arendt, ohne dass wir direkt das Philosophie-Oberseminar auf Deck 7 eröffnen müssen. Arendt hätte bei manchen Kommentarspalten wahrscheinlich eine einfache Frage gestellt: Sehen wir hier noch handelnde Menschen? Oder basteln wir uns gerade Feindbilder, damit die eigene Wut bequemer sitzen kann? Genau das passiert online schnell. Aus Schauspieler:innen werden Projektionsflächen. Aus Autor:innen werden Schuldige. Aus Serien werden Symbole, an denen Menschen ihre ganze Gegenwartsüberforderung festknoten. Das wirkt dann groß, politisch, grundsätzlich. Oft ist es schlechter Umgang mit Enttäuschung.

Der Philosoph Günther Anders hätte vermutlich auf die Geräte gezeigt. Auf die Bildschirme, durch die wir Welt empfangen – und damit auch auf die Plattformen, die Wirklichkeit vorsortieren. Was dauernd auftaucht, bekommt Gewicht. Was Gewicht bekommt, wirkt wahr. Und irgendwann hält man die digitale Abbildung für die Welt. Die FedCon hat den Maßstab zurück in den wirklichen Raum geholt. Da saßen Menschen, die dieselben Schlagzeilen gesehen hatten, dieselben Kommentare, dieselben müden Reflexe. Dann standen dort diese Darsteller:innen auf der Bühne, erzählten von ihrer Arbeit, lachten vorsichtig, warteten auf den Saal. Der Saal antwortete mit Wärme.

In diesem Moment wurde Starfleet Academy wieder Star Trek. Als Zukunftsentwurf, über den Menschen streiten, lachen, staunen und sich wundern dürfen. Vielleicht war genau das die eigentliche Pointe dieses Wochenendes: Das Internet kann sehr laut lügen. Es kann Menschen einreden, sie seien allein mit ihrer Freude. Es kann eine Minderheit so aufblasen, dass sie plötzlich nach Wetterlage klingt. Dann sitzt man in einem Saal, hört Applaus, sieht erleichterte Gesichter auf der Bühne und denkt: Ach. Da sind ja die anderen.

Natürlich bleibt eine Convention ein sehr irdischer Ort. Da gibt es müde Momente, seltsame Fragen, organisatorische Routinen und Merchpreise mit eigener Gravitation. Und dennoch überwiegt in den Erinnerungen an die schönen Begegnungen die Schönheit dieses Wochenendes. Mitten im normalen Convention-Chaos entstand ein Raum, in dem Starfleet Academy atmen konnte. Diese Serie bekam dort Bewegung zurück. Sie bekam Gesichter vor sich. Stimmen. Applaus. Neugier. Menschen, die sich auf etwas einließen. Für ein paar Panels stand keine Kommentarspalte zwischen Bühne und Publikum. Da war Star Trek wieder da, wo es hingehört: zwischen Menschen, die Zukunft ausprobieren.

Das ist die gute Nachricht. Kommentarspalten besitzen Wirkung. Sie beeinflussen Stimmungen. Sie können verletzen. Deshalb sollte man ihre Mechanik verstehen und ihnen keine Weltherrschaft schenken. Wer wissen will, was ein Fandom trägt, muss in Räume schauen, in denen Menschen einander wirklich begegnen. Auf Bühnen. In Gesprächen. In Applaus, der plötzlich etwas löst. In diesen kleinen Momenten, in denen jemand merkt: Ich darf hier sein. Meine Arbeit kommt an. Diese Geschichte hat Menschen erreicht. Genau das passierte in Bonn.

Die schönste Provokation dieses Wochenendes klingt sehr einfach: Wir glauben Lautstärke nicht automatisch. Wir prüfen die Wirklichkeit selbst. Wir gehen in Räume, hören Menschen zu und lassen uns überraschen. Das ist eine sehr alte Star-Trek-Haltung. Die Föderation gewinnt durch die Entscheidung, Menschen mehr zuzutrauen als ihren schlechtesten Reflex. Genau diese Entscheidung lag in Bonn in der Luft. Einfach gelebt, Panel für Panel, Applaus für Applaus. Die FedCon hat daran erinnert: Begegnung kann Wirklichkeit reparieren. Und manchmal reicht ein Saal voller Wärme, um dem Internet freundlich ins Gesicht zu sagen:

Du lügst.

Diesen Beitrag teilen

Adventskalender #15: Ein inneres Leuchten
Adventskalender

Adventskalender #15: Ein inneres Leuchten

9 Kommentare zu „Internet, du lügst! – Warum die FedCon zeigte, dass Kommentarspalten keine Wirklichkeit sind“

  1. Schön geschrieben, da hat am Wochenende was gesessen. Ich hoffe man liest noch ein paar Eindrücke von anderen die vor Ort sein konnten!

    Antworten
  2. Ich glaube, besser hätte man es kaum schreiben können. Ich hatte Spaß mit jeder Folge Star Trek Academy. War alles rund? Nein. War es das bei anderen Star Trek Serien? Nein. War es das bei anderen Sci-Fi Serien? Nein. Um so mehr freue ich mich, dass die FedCon der Crew der Academy zeigen konnte, wie viel Wertschätzung sie von den Fans erhalten.

    Antworten
  3. Auch, wenn der Text mir zu KI-ig klingt, stimme ich ihm inhaltlich zu. Kommentare im Netz sind (zum Glück) nicht das echte Leben, allenfalls ein hässliches Zerrbild.

    Antworten
  4. Das Internet lügt sowieso.
    Welche Macht einzelne/wenige Menschen im Internet aber entfalten und damit eine Wucht offenbaren, deren Schockwellen bis ins RL hineintreiben, ist am Beispiel der konzertierten Hassaktionen gegen SFA noch einmal wieder deutlich geworden und hat nun möglicherweise auch eines der seltenen Franchises zerstört, die die Zukunft positiv zeichnen. Sowas ist von den allgegenwärtigen Zerstörern auf dieser Welt aber nicht gewollt. Die befinden sich auf einem Amoklauf, die Zerstörung ist das Ziel. Und dann ist auch egal, dass das Internet lügt: Die Zerstörung rollt halt einfach weiter.

    Antworten
  5. Das das Internet sowieso lügt finde ich nicht, sonst gäbe es auch keine Orte wie hier.

    Eine konzentrierte Aktion konnte ich jetzt nicht erkennen. Eher nachplappern weil es grad in Mode ist, aber nicht das man sich abgesprochen hätte.

    Antworten
  6. Guter Text und ja, Hass gab es. Trotzdem zwei Einwände: Kritik ist nicht automatisch Hass; es gibt Leute, die die Serie einfach nicht mögen, und das ist legitim. Und der Text legt nahe, eine laute Minderheit habe die Serie kaputtgeredet – das wider­spricht sich aber selbst: Eine kleine, „aufgeblasene“ Minderheit kann nicht gleichzeitig die Absetzung verursachen. Abgesetzt wird eine Serie, wenn die Zuschauerzahlen nicht reichen, nicht weil Kommentarspalten lauter waren. Den Darstellern ist nichts vorzuwerfen, der Empfang in Bonn ist verdient – aber das Scheitern dem Internet zuzuschreiben, ist mir zu billig.

    Antworten
    • Bitte nicht zwischen den Zeilen lesen… Ich sage hier weder, dass Kritik automatisch Hass ist, noch, dass das Scheitern der Serie dem Internet zuzuschreiben ist… Ich sage nur, dass man durch die Lautstärke des Hasses im Internet das Gefühl haben konnte, die Serie würde von der Fanbase gehasst werden – und sich dieses Urteil in der Realität nicht bewahrheitet hat.

      Und der reine Verweis auf die Zuschauerzahlen reicht nicht. Die waren nicht gut – das haben wir oft genug gesagt. Aber dass die Serie auch politisch nicht zu den Vorstellungen der neuen Führung von Skydance Paramount passt, ist sehr klar.

      Ich verstehe den Affekt nicht, dass sich Kritiker der Serie angesprochen fühlen, wenn man Hass adressiert. Ich kritisiere Star Trek: Picard, vor allem in der dritten Staffel, weil mir die Geschichte überhaupt nicht gefällt. Aber ich kritisiere gleichzeitig den Hass im Netz. Kritik und Hass sind niemals dasselbe. Hass ist keine legitime Kritik.

      Antworten
      • Danke fürs Klarstellen – dann sind wir uns einiger als gedacht. Hass ≠ Kritik, d’accord, und deinen Punkt mit dem Eindruck, der sich in Bonn nicht hielt, verstehe ich. Ob die Skydance-Sache politisch zutrifft, kann ich nicht sagen – aber es ist auch einfach normal, dass neue Eigentümer ein Portfolio nach Wirtschaftlichkeit durchsehen, und Star Trek steht da gerade nicht oben. Es wurde ja nicht nur die eine Serie gestrichen, sondern praktisch alles, und neu angekündigt wurde keine. Das spricht für Geld und Strategie als Grund, nicht für Kommentarspalten. Manchmal wird eben schlicht aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

        Antworten
        • Die Wirtschaftlichkeit einer Serie ist immer ein wichtiges Argument – und ich mache das ja auch stark, bspw. in unserem Cast zur Absetzung. Ein „Geschmäckle“ hat die Absetzung und der direkte Abbau des riesigen Sets dennoch. Die Erstellungskosten waren sehr hoch, die Kosten der Darsteller:innen sind bis auf Holly Hunter eher niedrig. In der Regel wäre eine dritte Staffel relativ günstig durchzusetzen. Und dann sprechen wir über die Colbert-Besetzung, das explizit antifaschistische Finale, die Darstellung von Diversität usw. Völlig abwegig sind politische Überlegungen der neuen Skydance-Führung nicht. Wir werden es nie final erfahren.

          Wichtig ist mir aber vor allen Dingen, dass wir den Hass im Netz nicht mehr als Gradmesser nehmen, sondern lieber über begründete Kritik sprechen. Und diese muss fair und ausgewogen sein. Diesen Anspruch sollte man haben.

          Antworten

Kommentar hinterlassen

BETA